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Mediation: Streiten mit Struktur - Interview mit Sibylle May

Projektarbeit vereint oft verschiedene Positionen und Charaktere, da sind Unstimmigkeiten nicht selten. Damit sie den Warking Process nicht behindern oder gar den Arbeitserfolg vereiteln, sollte man in einem Konfliktfall rechtzeitig eingreifen - zum Beispiel mit einer Mediation. Wie das funktioniert, erklärt eine Expertin im Gespräch mit working@office.

w@o: Mediation kennen wir aus dem öffentlich-rechtlichen Bereich, das Verfahren bietet sich aber auch für wirtschaftliche Auseinandersetzungen an. Warum?

Sibylle May: Immer mehr Unternehmen erkennen die Vorteile des Verfahrens: Einen Konsens zu finden ohne Verlierer, nach vorn zu schauen, aufwendige Gerichtsprozesse zu vermeiden, Zeit und Kosten zu sparen. Häufig werden auch Bedürfnisse der Mitarbeiter aufgedeckt, die es zu lösen gilt. Und schließlich stehen die Konfliktpartner zu ihren eigenen Lösungen, denn sie schließen größtenteils eine rechtsverbindliche Vereinbarung. Die strukturierte Vorgehensweise in der Mediation ist das Grundgerüst eines jeden Konfliktlösungsprozesses. Wir Mediatoren bringen interdisziplinäre Kompetenzen mit und sind somit in der Lage, den Dialog zwischen den Konfliktpartnern zu fördern.

w@o: Was sind typische Konflikte, bei denen ein Unternehmen eine Mediatorin oder einen Mediator einschalten sollte?

May: Es handelt sich um Konflikte unter Kollegen, innerhalb eines Teams oder zwischen Mitarbeitern und Führung. Es kann aber auch um Unstimmigkeiten zwischen Gesellschaftern, in Familienbetrieben, zwischen Kunden und Lieferanten, in Wettbewerbs- und Urheberrechtsfragen, bei Fusionen, bei Vertragsangelegenheiten oder um Nachfolgeregelungen gehen.

w@o: Wie läuft ein Mediationsverfahren genau ab, formal und inhaltlich?

May: Dem ersten Schritt der Mediation gehen häufig telefonische Anfragen oder Vorgespräche voraus, in denen das Verfahren erläutert und besprochen wird. Wir wollen zunächst herausfmden, ob der Konflikt für eine Mediation geeignet ist. Die folgenden Fragen sind ein Leitfaden dafür. Im Vorgespräch klärt der Mediator mit der ersten Konfliktpartei zum Beispiel: Wer soll an der Mediation sinnvollerweise teilnehmen? Wer ist an dem Konflikt direkt beteiligt? Sind alle Konfliktparteien "im Boot"? Wie kommt es zu der Mediation? Ist es der Wunsch einer der Konfliktparteien? Ist es der Wunsch der Führungskraft? Wer trägt die Kosten? Wurden bereits rechtliche Schritte eingeleitet (Abmahnung)? Wie werden gegebenenfalls die weiteren Konfliktparteien ins Boot geholt? usw.

Im nächsten Prozess klärt der Mediator mit den Parteien: Wann und in welchem Zeitumfang soll die Mediation stattfinden? (eine Sitzung dauert in der Regel zwischen 90 und 120 Minuten). Wie viele Sitzungen werden circa benötigt? (Dafür gibt es keinen Rahmen, weil jede Situation anders ist.) Wo findet die Mediation statt? Stellt der Raum für die Beteiligten einen neutralen, vorbelastungsfreien Ort dar? Spielen rechtliche Fragen eine Rolle? Wünschen die Konfliktparteien Rechtsberatung? Sind alle Konfliktparteien ergebnisoffen? Gibt es Tabu-Themen? Gibt es eventuell Rahmenbedingungen der Führungskraft? Anschließend wird erst der Konfliktstatus geklärt. Die Mediation selbst verläuft dann in verschiedenen, sehr komplexen Phasen.

w@o: Mediatoren sind für solche Konfliktlösungsfälle ausgebildet. Welche Qualifikationen muss ein Mediator mitbringen?

May: Auf jeden Fall ist eine Zertifizierung zum Mediator notwendig. Wünschenswert ist auch die Zertifizierung zum systemischen Coach, denn in dieser Ausbildung erhält der Mediator viele Anregungen und Instrumente für den Mediationsprozess. Ich selbst bin seit 23 Jahren als Trainerin und Coach tätig, aber ich habe in der Ausbildung zur Mediatorin feststellen dürfen, dass dieser Prozess noch einmal ganz anders abläuft. Nur wenn man diese Kenntnisse besitzt, ist man auch in der Lage, ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Das Interview führte Annette Rompel, Redaktion

Erschienen in: working@office, Ausgabe 12/01.2014/15

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